Wenn wir auf unserer Segelreise nach den Orten gefragt werden, die sich für immer ins Gedächtnis einbrennen, dann steht dieser Törnabschnitt ganz oben auf unserer Liste. Schon bei der Vorbereitung in den Wintermonaten hatten wir die Seekarten immer wieder studiert, Revierführer gewälzt und Berichte anderer Langfahrtsegler gelesen. Doch kein Buch, kein Foto und kein Video kann das Gefühl ersetzen, wenn man am frühen Morgen den Anker lichtet, die Segel setzt und der stetige Passatwind das Schiff kraftvoll nach vorne schiebt. Unser Ziel an diesem Tag war kein gewöhnlicher Halt, sondern eines der absoluten Naturwunder dieses Archipels: Grenada Prickly Bay.

1. Die Seepassage & Navigation
Die Passage durch das Südküste Grenada hatte es von der ersten Seemeile an in sich. Der Passat stand mit satten 22 Knoten aus Ost-Nordost, und die ungebremste Atlantikdünung baute zwischen den Inselpassagen Wellen von gut zweieinhalb Metern auf. Wir segelten mit gerefftem Groß und teilgerollter Genua hoch am Wind. Kathi stand hochkonzentriert am Steuerstand, parierte jede Drückerwelle mit feinfühligen Ruderkorrekturen und hielt Ausschau nach den ersten Landmarken. Es ist dieser Moment vollkommener Präsenz: Man hört nur das Rauschen der Bugwelle, das Singen der Wanten im Wind und spürt die gewaltige Energie des Meeres unter den Kielen. Keine Maschine, kein Lärm – reine Naturkraft. Tom navigierte von der Kartenecke aus, glich die Tiefenlinien des Echolots mit den elektronischen Vektorkarten ab und suchte mit dem Fernglas nach den Betonnungen der Riffpassage.
2. Ansteuerung & der Traum-Ankerplatz
Das Erreichen des Ankerplatzes Prickly Bay Marina entschädigte für jede Anstrengung. Sobald man den Windschatten der Landzunge erreicht, flacht das Wasser schlagartig ab. Von tintenblauem Ozeanwasser wechselt die Farbe innerhalb von fünfzig Metern zu einem fast unwirklichen, leuchtenden Smaragdgrün und schließlich zu feinstem Türkis. Wir fuhren die Bucht behutsam im Schritttempo ab, um den Meeresgrund mit der polarisierten Sonnenbrille zu inspizieren. Korallenblöcke – von den Einheimischen treffend ‘Bommies’ genannt – ragen hier stellenweise bis zwei Meter unter die Wasseroberfläche und erfordern höchste Wachsamkeit. Wir fanden eine perfekte Sandfläche auf exakt fünf Metern Tiefe, ließen 25 Meter Kette fallen und dampften den Bügelanker mit 1800 Umdrehungen rückwärts fest ein. Als das Schiff wie eine Eins stand und die Kette straff gezogen war, fiel alle Anspannung von uns ab. ‘Wir sind da!’, rief Kathi mit einem strahlenden Lächeln ins Cockpit.

3. Unterwasserwelt & Schnorcheln am Riff
Kaum war der Ankerball gesetzt und die Badeleiter ausgeklappt, schnorchelten wir hinaus zur Außenkante des Riffs. Was sich dort unter Wasser abspielt, spottet jeder Beschreibung: Riesige Fächerkorallen wiegen sich in der sanften Grundsee, während Schwärme von hunderten bunten Doktorfischen, Papageienfischen und Kaiserfischen die Algen von den Riffkalken abweiden. Plötzlich tauchte aus dem Blauwasser ein stattlicher Stachelrochen auf, glitt majestätisch wie ein Flugzeug knapp über dem Sandboden und wirbelte eine kleine weiße Wolke auf. Keine zehn Minuten später sichteten wir zwei Schwarzspitzen-Riffhaie, die völlig ruhig ihre Revierbahnen zogen. Für uns gehört die Begegnung mit Haien zu den schönsten Momenten auf See: Sie strahlen eine unfassbare Ruhe und Perfektion aus, die jedem respektvollen Beobachter tiefen Respekt einflößt.
4. Landgang, Fischerdorf & Karibisches Leben
Am Nachmittag ruderten wir mit dem Beiboot an den puderzuckerweißen Strand. Hier ticken die Uhren nach karibischer Inselzeit. Kein Stress, keine Hektik. Ein lokaler Fischer namens Joseph begrüßte uns mit breitem Lächeln und zeigte uns seinen Tagesfang: frische Langusten und zwei rote Schnapper. Wir kauften ihm einen Fisch ab, den er mit einer Prise Meersalz, frischer Limette und lokalem Pfeffer direkt vor unseren Augen vorbereitete. Später saßen wir in einer offenen Strandbar aus Treibholz, tranken gekühltes Carib-Bier und lauschten den Geschichten der alten Seebären. Ein älterer schwedischer Einhandsegler erzählte uns von seiner Atlantiküberquerung im Winter 1989 – Geschichten von fliegenden Fischen, zerfetzten Segeln und der unendlichen Ruhe mitten auf dem Atlantischen Ozean.
5. Praktische Revier- & Anker-Tipps
- GPS-Position Ankerplatz: 12°00.200 N, 061°45.700 W (Einfahrt nur bei gutem Tageslicht und hohem Sonnenstand)
- Wassertiefe & Grund: 4 bis 7 Meter, reiner Korallensand mit exzellenter Haltekraft; Seegrasfelder meiden
- Windschutz & Schwell: Perfekter Schutz vor Nordost- bis Südost-Passat; bei starkem Nordatlantik-Schwell unruhig
- Moorings & Gebühren: Nationalpark-Moorings verfügbar (30 USD/Tag), Bezahlung an den Ranger oder online
- UKW-Kanal: Kanal 16 zur Kontaktaufnahme, Kanal 68 für lokale Sicherheits- und Wetterberichte
- Einklarieren & Proviant: Nächste Zoll- und Einreisestelle zwei Seemeilen südlich am Hauptpier
- Seemannschafts-Tipp: Unbedingt Ankerboje setzen, um andere Yachten auf die Lage des eigenen Ankers hinzuweisen
6. Unser persönliches Fazit
Als am Abend die Sonne langsam hinter den Palmenkronen versank und der Himmel in ein spektakuläres Farbenspiel aus Gold, Purpur und tiefem Indigo getaucht wurde, saßen wir mit einem selbstgemixten Rum Punch auf dem Vorschiff. Es sind diese stillen Abende, an denen man begreift, warum man all die Mühen, Reparaturen und schlaflosen Ankernächte auf sich nimmt: Die unbezahlbare Freiheit, sein eigenes schwimmendes Zuhause an die schönsten Flecken unserer Erde zu steuern und den Rhythmus des Meeres als eigenen Takt anzunehmen. Wir werden ganz sicher wiederkommen.

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